Entwurf
einer Farbenlehre
Die Farben sind Taten des Lichts, Taten
und Leiden. In diesem Sinne können wir
von denselben Aufschlüsse über das Licht erwarten.
Farben und Licht stehen zwar untereinander in dem genausten
Verhältnis, aber wir müssen uns beide als der
ganzen Natur angehörig denken: denn sie ist es
ganz, die sich dadurch dem Sinne des
Auges besonders offenbaren will.
Ebenso entdeckt sich die ganze Natur
einem anderen Sinne. Man schließe das Auge, man
öffne, man schärfe das Ohr, und vom leisesten
Hauch bis zum wildesten Geräusch, vom einfachsten
Klang bis zur höchsten Zusammenstimmung, von dem
heftigsten leidenschaftlichen Schrei bis zum sanftesten
Worte der Vernunft ist es nur die Natur, die spricht,
ihr Dasein, ihre Kraft, ihr Leben und ihre Verhältnisse
offenbart, so |
dass ein Blinder, dem das unendlich Sichtbare versagt
ist, im Hörbaren ein unendlich Lebendiges fassen
kann.
So spricht die Natur hinabwärts zu andern Sinnen,
zu bekannten, verkannten, unbekannten Sinnen; so spricht
sie mit sich selbst und zu uns durch tausend Erscheinungen.
Dem Aufmerksamen ist sie nirgends tot noch stumm; ja dem
starren Erdkörper hat sie einen Vertrauten zugegeben,
ein Metall, an dessen kleinsten Teilen wir dasjenige,
was in der ganzen Masse vorgeht, gewahr werden sollten.
Aus: Johann Wolfgang von Goethe, Entwurf einer Farbenlehre
>> Fünf
Farben - Fünf Eigenschaften |
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